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Sportsucht: Trainieren bis zum Umfallen

Sport kann abhängig machen. Die Wissenschaft rätselt über die Ursachen, die Betroffenen leiden zum Teil schwer. Wie sich die Sportsucht äußert – und was dagegen hilft
von Nina Himmer, aktualisiert am 19.09.2016

Hartes Training: Sport wird für manche Menschen zur Sucht

istock/isitsharp

Alkohol ist anschaulicher. Deshalb zieht Dr. Heiko Ziemainz gerne Hochprozentiges heran, um das Phänomen Sportsucht zu erklären. Tatsächlich gibt es Parallelen zwischen den beiden Abhängigkeiten: Die Entzugserscheinungen etwa, den Drang nach immer mehr oder die soziale Isolation. Und: "Fragt man einen Alkoholkranken, ob er süchtig sei, wird er dies abstreiten. Das ist bei Sportsüchtigen genauso", sagt der Sportpsychologe.

Ziemainz, selbst begeisterter Ausdauersportler, forscht an der Universität Erlangen zum Thema Sportsucht – ein Feld, das sonst nicht besonders intensiv bearbeitet wird. Während man sich in den USA schon seit Mitte der 90er mit "Exercise Addiction" beschäftigt, ist das Thema in Deutschland relativ neu, die Studienlage überschaubar und "Sportsucht" als offizielle medizinische Diagnose nicht anerkannt. Genau wie die meisten anderen Verhaltenssüchte – etwa Einkaufs- oder Internetsucht.

Vermutlich ein bis drei Prozent der Sportler betroffen

Trotzdem ist es eine Tatsache, dass Sport süchtig machen kann. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) geht davon aus, dass mehr Menschen als gemeinhin angenommen betroffen sind, wahrscheinlich rund ein bis drei Prozent der deutschen Sportler.

Eine Studie der Universität Erlangen und der Universität Halle-Wittenberg hat 2013 gezeigt, dass von 1089 befragten Ausdauer-Athleten rund 4,5 Prozent sportsuchtgefährdet waren. Die Zahlen zeigen, dass Sportsucht kein Massenphänomen ist – was erklärt, warum kaum zu diesem Thema geforscht wird. Doch das Leid der Betroffenen kann erschreckende Ausmaße annehmen. "Es gibt Einzelfälle, in denen sich Süchtige die Ferse bis auf den Knochen abgelaufen haben und trotzdem weiter trainierten", sagt Ziemainz.

Immer mehr trainieren, Entzugserscheinungen bei Sportpause

Verletzungen und Schmerzen zu ignorieren, ist ein typisches Anzeichen für Sportsucht. Erschöpfungssignale werden ausgeblendet, trainiert wird buchstäblich bis zum Umfallen und der Körper wird letztlich zum Gegner. Sport-Junkies brauchen immer härtere Trainingseinheiten und leiden unter Entzugserscheinungen, wenn es mal nicht klappt mit dem Sport. Nervöse Unruhe, depressive Verstimmungen, Aggressivität und Schlafstörungen kommen zum Beispiel vor. "Wenn Süchtige keinen Sport machen können, werden sie gereizt und fahren schnell aus der Haut", sagt Ziemainz.

Auch dass das Training das Leben völlig dominiert, gehört zur Symptomatik der Sucht: Trainieren zu ungewöhnlichen Uhrzeiten, Fehlzeiten bei der Arbeit, das Vernachlässigen von sozialen Kontakten, Eheprobleme – weil alles dem Sport untergeordnet wird, kommt es zu Unstimmigkeiten in anderen Lebensbereichen. "Bei einer Sucht ist Sport kein Teil des Lebens mehr, sondern bestimmt es. Man bewegt sich nicht aus Lust, sondern aus einem inneren Zwang heraus", so der Experte. Das hat auch körperliche Konsequenzen: Wer es mit dem Training übertreibt, riskiert zum Beispiel Schäden und Verschleiß an Bändern, Sehnen, Knochen und Gelenken. Zu starke Belastung kann außerdem das Immunsystem schwächen.

Wo ist die Grenze zwischen intensivem Sport und Sucht?

Obwohl es klare Anzeichen für pathologisches Sporttreiben gibt, ist die Grenze hin zur Sucht oft schwer auszuloten. Schließlich können selbst intensiv trainierende Sportler ihr Verhalten im Griff haben, die Belastungsgrenzen sind individuell unterschiedlich. Auch der Körperkult unserer Gesellschaft macht die Sache nicht leichter: Schlanke und gestählte Körper gelten als erstrebenswert, Fitness wird mit Selbstdisziplin gleichgesetzt und bewundert. Der Spruch "der ist sportverrückt" oder "sportsüchtig" kommt daher vielen leicht und bedeutungslos über die Lippen. Selbst erkennen können nur die wenigsten die Sucht – erst wenn die Ehe zerbricht, der Job weg ist oder sich die Freunde rar machen bemerken betroffene Sportler, dass sie ein echtes Problem haben. "Die Grenze ist überschritten, wenn das Verhalten die Person kontrolliert und nicht umgekehrt", bringt es Ziemainz auf den Punkt.

Jüngere Menschen sind besonders gefährdet

Wer sich für gefährdet hält, sollte sich also ehrlich fragen, ob man noch ein Gefühl für die Signale des Körpers hat. Ob man die Sporteinheit einfach mal ausfallen lassen könnte und wie andere das eigene Verhalten einschätzen. So zu trainieren, dass das Sportpensum nicht mit dem restlichen Leben kollidiert, ist eine gute Richtlinie. Auch die Wahl der Sportart spielt eventuell eine Rolle: Die Erlanger Studie hat Triathleten, Läufer und Radfahrer untersucht – bei Triathleten ist die Gefahr einer Abhängigkeit wohl am größten.

Offenbar sind jüngere Menschen häufiger betroffen, begünstigt wird die Sportsucht wohl von Persönlichkeitsmerkmalen wie Perfektionismus oder hoher Leistungsmotivation. "Auch kritische Lebensereignisse wie Beziehungsprobleme, Stress im Beruf oder ein Todesfall in der Familie können Sportler in die Sucht treiben", erklärt Ziemainz. Zwischen den Geschlechtern lassen sich hingegen keine Unterschiede ausmachen – zumindest nicht bei der primären Sportsucht. Bei der sekundären Sportsucht hingegen tritt diese zusammen mit Essstörungen auf, hier überwiegt der Anteil der Frauen. Durch exzessives Sporttreiben versuchen Betroffene, mehr Kalorien zu verbrennen und Fett loszuwerden. "Das muss man aber klar von der primären Sucht abgrenzen", sagt Ziemainz.

Warum macht Sport süchtig?

Bleibt die Frage, warum Sport eigentlich süchtig macht. Die Wissenschaft kann hier noch keine klaren Antworten geben, gerade aus neurobiologischer Sicht gibt es keine eindeutigen Befunde. Ein verbreiteter Erklärungsansatz ist die Beta-Endorphin-Hypothese. Sie macht die durch körperliche Anstrengung angeregte Ausschüttung von körpereigenen Opiaten für die Entstehung der Sucht mit verantwortlich. Beta-Endorphinen wird eine schmerzregulierende und euphorisierende Wirkung zugeschrieben. Allerdings gibt es verschiedene Argumente, die gegen diese Hypothese sprechen. So gibt es verschiedene Studien, die eine vermehrte Ausschüttung von Beta-Endorphinen gar nicht nachweisen konnten. Auch die genaue Wirkung der Stoffe im Körper ist keineswegs geklärt.

Auch Sportpsychologe Ziemainz tendiert zu einer anderen Erklärung, der Hyperfrontalitäts-Hypothese. Diese geht davon aus, dass bei körperlicher Anstrengung die Tätigkeit des präfrontalen Kortex herunterreguliert wird. Das ist ein Teil der Großhirnrinde, in dem mentale Prozesse wie Nachdenken oder Planen stattfinden. Wer die Aktivität des präfrontalen Kortex hemmt, erreicht einen angenehmen und sorglosen Zustand. Dieser wird als so positiv wahrgenommen, dass Betroffene ihn immer wieder erreichen wollen. "Wahrscheinlich spielen viele Faktoren und Erklärungsmuster gemeinsam eine Rolle – weder rein körperliche noch rein psychische Ansätze können Sportsucht wirklich erklären", so Ziemainz.

Dem Teufelskreis der Sucht entfliehen

Was auch immer die Sportsucht letztlich verursacht – dem Teufelskreis der Sucht können Betroffene oft nicht aus eigener Kraft entfliehen. "Im Rahmen einer Psychotherapie kann man aber gut daran arbeiten", sagt Ziemainz. Auf Verhaltenstherapien spezialisierte Einrichtungen könnten die beste Hilfe bieten, als erste Ansprechpartner kämen aber auch ein Haus- oder Facharzt infrage. Die gute Nachricht für alle Betroffenen: Im Gegensatz zu Alkohol ist Sport nicht lebenslang tabu, schließlich ist Bewegung in Maßen gesund. Ziel der Therapie ist es lediglich, die Kontrolle zurückzugewinnen und mit Hilfe eines moderaten Trainings zurück in ein gesundes Gleichgewicht aus Leistung und Regeneration zu finden.



Bildnachweis: istock/isitsharp

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