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Rausch: Die Suche nach den Alltagsfluchten

Stammestänze, Koka-Blätter, Weihrauch: Alle Kulturen finden Wege, die Sehnsucht nach dem Rausch zu befriedigen. Weil jeder von uns Alltagsfluchten braucht
von Christian Andrae, 24.11.2015

In jeder Kultur birgt der Rauschzustand eine gewisse Faszination.

Look GmbH/Photononstop, W&B/Stocksy

Da ist der Montagmorgen. Da sind Kollegen. Die Rechnungen im Briefkasten. Verkehrsregeln, Steuern und Gesetze. Nachrichten im Radio und etwas Ablenkung im Fernsehen. Da ist die Zahn­zusatzversicherung und der Mittwochmorgen. Und dann ist da noch der Freitagabend. Wir tanzen uns weg, trinken uns fort, schlafen in fremden Betten.

Unser Leben wird bestimmt von Regeln, die die Gesellschaft aufrechterhalten. Das bringt viele Zwänge mit sich. Zum Ausgleich gibt es die Freizeit. Die einen gehen tanzen, joggen bis zur Erschöpfung oder verbiegen sich beim Yoga. Die anderen gehen in die Kneipe, rauchen Gras oder pflegen ihre Briefmarkensammlung. Aber vielleicht wird auch die eigene Persönlichkeit als Zwang empfunden. Der Briefmarkensammler Kurt Meier bleibt der Briefmarkensammler Kurt Meier. Und das ist wohl eine der großen Sehnsüchte, die mit dem Rausch verbunden sind: "Wir können aus uns selbst heraustreten", sagt der Psychologe und Autor Dr. Jürgen vom Scheidt. "Der Mensch braucht zwar eine stabile Umgebung, die unter gewissen Regeln funktioniert. Aber manchmal braucht er auch genau das Gegenteil." Der Rausch ist anarchisch, gegen jed­wede Vernunft. Er ist ein Widersinn.

Es braucht keine Drogen

"Aber der Rausch gehört zur Psychologie des Menschen", sagt Scheidt. Jeder von uns muss sich auch von den Strukturen des Alltags lösen können. Ausbrechen. Allerdings braucht es dafür keine Drogen. "Mit ihnen geht es einfach nur schneller und intensiver." Wer einen Gipfel erklimmt, Tango bis zur Ekstase tanzt, Ski abseits der Piste fährt oder sexuelle Abenteuer sucht, bricht ebenso ein Stück weit aus dem Alltag aus. Der Körper greift dann auf ein ganzes Spektrum an Stoffen zurück: Endorphine, Adrenalin oder Endocannabinoide sind drei der bekanntesten. Sie können den Körper in einen Rausch versetzen, in einen anderen Bewusstseinszustand. Ihn zu erlangen und zu erfahren war schon immer ein tiefes Bedürfnis des Menschen.

"Diese Unterscheidung zwischen alltäglichen und außeralltäglichen Bewusstseinszuständen finden wir weltweit in sämtlichen uns bekannten Kulturen vor", sagt Professor Michael Schetsche. Er lehrt Soziologie und Kulturanthropologie an der Uni Freiburg. "Überall wo Menschen leben, werden Techniken oder Substanzen verwendet, um in einen anderen Bewusstseinszustand zu gelangen." Geändert hat sich inzwischen allerdings, wie wir den Rausch nutzen. Er war nie zuvor etwas, das man nur um seiner selbst willen, aus reinem Vergnügen oder zur Verdrängung von Problemen herbeigeführt hat – und nach dem man deshalb so leicht süchtig werden kann.       

Der Draht zu den Göttern

"In den meisten Kulturen gehörte der Rausch zu einer sakralen Feiertagskultur, zu bestimmten Ritualen und spirituellen Praktiken", sagt Experte Schetsche. Der Mensch habe schon sehr früh die Vorstellung gehabt, Geistern oder Göttern nur oder besser in einem außergewöhnlichen Bewusstseinszustand näher sein zu können. "Man braucht ein Hilfsmittel. Tanz, Musik, Atemtechniken oder eben verschiedene Substanzen. Mindestens aber Räucherstäbchen oder Tabak." Der Rausch hat auch eine sakrale, also heilige Funktion – noch heute. Zum Beispiel in der katholischen Kirche. "Weihrauch ist eine traditionelle Droge, die die Kommunikation mit übergeordneten Wesen ermöglichen soll", erläutert Schetsche. Die psychoaktive Wirkung des Harzes wurde 2008 im Fachblatt FASEB Journal bestätigt. Völker entlang des Amazonas nutzen dagegen Ayahuasca – einen halluzinogenen Sud aus Lianen. Die nordamerikanischen Indianer kauen Peyote,
einen psychedelisch wirksamen Kaktus. Der Rausch fand jedoch auch seinen Weg vom Sakralen ins Profane, ins Alltägliche. 

Koka-Blätter gegen Kälte

"Es gibt auch Substanzen, die benutzt werden müssen, um in bestimmten Gegenden dieser Welt überhaupt leben und arbeiten zu können", sagt Schetsche. Zum Beispiel in den Anden, der zweithöchsten Gebirgskette der Welt. Dort kauen die Bewohner seit Jahrhunderten Koka-Blätter. Sie helfen dabei, Hunger, Müdigkeit und Kälte zu verdrängen und die Sauerstoffaufnahme zu verbessern.

Und bei uns? Für den Psychologen Jürgen vom Scheidt hat der Rausch viele Gesichter. Er kann für Kreative ein Türöffner in neue Gedankenwelten sein, Menschen verbinden, Sportler antreiben. Er kann entspannen. Er kann einen aber auch süchtig machen, isolieren, deprimieren. Der Rausch ist unberechenbar, funktioniert eben ganz ohne Regeln. "Er ist ein Narr", sagt Scheidt. "Aber einer, den jeder braucht."



Bildnachweis: Look GmbH/Photononstop, W&B/Stocksy

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