banner_grau.gif

Adler-Apotheke

  • Apotheker Tammo Törber e.K.
  • Schulterblatt 106
  • 20357 Hamburg

Der Adonis-Komplex: Süchtig nach Muskeln

Bizeps und Waschbrettbrauch – Männer mit Adonis-Komplex ordnen alles dem Körperkult unter. Trotz dicker Muskelpakete fühlen sie sich aber schmal und schwächlich
von Ulrich Kraft, aktualisiert am 12.02.2016

Die Sucht, muskulös aussehen zu wollen, ist nach dem griechischen Gott der Schönheit Adonis benannt

Mauritius/Alamy

Schmächtiger als die meisten seiner Altersgenossen war Matthias K. schon immer. Dass er deswegen von den Klassenkameraden ab und an gehänselt wurde, störte ihn zunächst nicht sonderlich. Dies ändert sich nach der Pubertät. Matthias K. beschließt, etwas dagegen zu unternehmen. Zum achtzehnten Geburtstag lässt er sich eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio schenken und fängt an, zweimal die Woche dort zu trainieren.

Breitere Schultern, kräftigere Arme, der Ansatz eines Waschbrettbauches – schon nach kurzer Zeit lassen sich die Auswirkungen auf seinen Körper kaum mehr übersehen. Matthias K. ist das aber längst nicht genug. Obwohl er inzwischen tagtäglich zum Training geht und seine Muskelpakete wie die eines Profiboxers aussehen, empfindet er sich nach wie vor als Hänfling.

"Die Männer merken gar nicht, dass sie schon muskulös und durchtrainiert sind – und arbeiten deshalb immer weiter an ihrem Körper", sagt Barbara Mangweth-Matzek. "Dieser Zwang ist typisch für eine Muskeldysmorphie." Die Psychologin von der Universitätsklinik Innsbruck gehört zu den wenigen Experten im deutschsprachigen Raum, die sich mit der auch Muskelsucht oder Adonis-Komplex genannten Störung wissenschaftlich beschäftigen.

Bei Bodybuildern als Eiweißquelle beliebt: Proteindrinks

iStock/vuk1691

Gestörtes Essverhalten

Neben der Muckibude ist Essen für die – größtenteils männlichen – Betroffenen das große Thema. Sie genehmigen sich fast nur Nahrungsmittel, die den Muskelaufbau fördern. Ganz oben auf dem Speiseplan stehen Eiweiße, gern auch als Proteindrinks.

Zu viele Kohlenhydrate und vor allem Fettes sind hingegen Tabu. Manche Männer mit Adonis-Komplex gehen nicht mehr in die Kantine oder ins Restaurant, weil es dort Dinge zum Essen gibt, die nicht in ihr spezielles Diätprogramm passen.

Körperkult als Ursache

Wegen dieses ähnlich restriktiven, aber doch gegenteiligen Essverhaltens, spricht Harrison Pope, Psychiatrie-Professor von der Harvard-University, auch von reverse anorexia nervosa – umgekehrter Magersucht. Tatsächlich haben die Krankheitsbilder einige Parallelen. So sind Magersüchtige extrem dünn, halten sich aber immer noch für zu dick und hungern deshalb weiter. Beim Adonis-Komplex empfinden sich die Männer trotz beachtlicher Muskelberge als schmächtig. In beiden Fällen sei also die Wahrnehmung des eigenen Körpers gestört, sagt Barbara Mangweth-Matzek.

"Im Gegensatz zur Anorexie ist die Muskeldysmorphie aber ein neues Phänomen, das auch den Zeitgeist widerspiegelt", so die Psychologin. "Ohne den Körperkult, der die Männer inzwischen erfasst hat, würde es die Störung wohl nicht geben." Frauen müssen sich bereits seit Jahrzehnten mit Bildern von unerreichbar schlanken Schönheiten auseinandersetzen. Bei den Herren der Schöpfung hingegen war die Figur lange kein Thema, ausgeprägte Muskeln galten in erster Linie als ein Zeichen harter physischer Arbeit.

Suchtfaktor Männermagazin

Das ist heute anders. Bierbauchträger und schwächliche Softies sind von gestern, der Mann des 21. Jahrhunderts muss körperlich etwas bieten können. Hollywood, Fernsehen, Werbung und zahllose Hochglanzmagazine zeigen jedem, wie er mit nacktem Oberkörper auszusehen hat. Und verbreiten die simple Botschaft: Mit Waschbrettbauch und Bizeps kommen Ansehen und Erfolg – im Beruf, bei den Frauen und nicht zuletzt beim Sex.

Körperliche Fitness wird mit Ansehen und Erfolg gleichgesetzt

W&B/Fotolia

Ein Trend, von dem sich immer mehr Vertreter des starken Geschlechts mitreißen lassen. "Sportlich, durchtrainiert und dynamisch auszusehen ist wichtig geworden, vor allem den Männern selbst", sagt Barbara Mangweth-Matzek.

Teenager sind besonders anfällig

Wie bei Matthias K. nimmt die Muskeldysmorphie häufig im Teenageralter ihren Anfang. Initialzündung ist in vielen Fällen, dass die jungen Männer sich ihren Körper anschauen und ihn vergleichen – mit dem von Models, Sportlern und Popstars, aber auch mit dem Körperbau anderer Jungen. "Dieses Vergleichen beginnt bei Mädchen oft schon sehr früh", weiß Barbara Mangweth-Matzek. "Bei Jungs geht das jetzt in eine ähnliche Richtung."

Training bestimmt das Leben

Doch die Macht der omnipräsenten Mannsbilder mit Knackpopo, V-Shape und Sixpack-Bauch zeigt auch bei erwachsenen Angehörigen des starken Geschlechts Wirkung. Laut einer im British Medical Journal vorgestellten Studie sind inzwischen fast genauso viele Männer wie Frauen mit ihrem Körper unzufrieden. Damit hat sich die Zahl der Frustrierten in 25 Jahren verdreifacht.

Ein Urlaub ohne Fitnessstudio? Für Muskelsüchtige kaum erträglich

Jupiter Images GmbH/Comstock Images

Prinzipiell spricht ja nichts dagegen, dass ein Mann ins Fitnessstudio geht, um etwas für sein Äußeres zu tun. So lange es in einem gesunden Rahmen bleibt. "Genau das ist bei einer Muskeldysmorphie nicht mehr der Fall", erklärt Expertin Mangweth-Matzek. "Die Betroffenen ordnen ihr gesamtes Leben dem Körperkult unter." Um noch intensiver trainieren zu können, gehen sie auf Teilzeit oder wechseln den Job. Freunde, Familie und Partnerin werden vernachlässigt. Wenn sie überhaupt noch in den Urlaub fahren, dann nur in ein Hotel, wo sie ihr meist mehrstündiges tägliches Trainingsprogramm uneingeschränkt fortsetzen können. Im Extremfall kommt irgendwann der Griff zu Anabolika oder Wachstumshormonen, weil ihr Körper nur damit noch mehr Muskelmasse zulegen kann.

Die Scham der Muskelmänner

Doch selbst wenn sie aussehen wie Arnold Schwarzenegger beim Gewinn der Bodybuilding-Weltmeisterschaften bleibt die fixe Idee, nicht muskulös genug zu sein. "Es ist ein Zwang für diese Männer, immer weiter an ihren Muskeln zu arbeiten", sagt Barbara Mangweth-Matzek, "und sie leiden enorm darunter." Meist im Stillen, weil die Betroffenen sich schämen und weil sie sich nicht als krank erachten. Noch nie sei ein Patient von sich aus zu ihr gekommen und habe gesagt, er halte sich für zu schwächlich, muss deshalb dauernd trainieren und habe damit ein psychisches Problem, berichtet die Psychologin.

Scham und fehlende Krankheitseinsicht sind auch Gründe, warum es bislang keine zuverlässigen Zahlen zur Häufigkeit der Muskelsucht gibt. Amerikanische Wissenschaftler befürchten, das Phänomen könnte sich wie eine Epidemie in der männlichen Bevölkerung ausbreiten, weil der Druck, muskulös und durchtrainiert auszusehen, ständig steigt. Mangweth-Matzek verweist darauf, dass nur ein kleiner Teil derer, die ihren Körper im Fitnessstudio stählen, einen Adonis-Komplex entwickelt. Allen Betroffenen rät sie aber dringend, sich in Behandlung zu begeben.

Behandlungsziel: Ein realistisches Körperbild

Sonst drohen so gravierende Auswirkungen auf das Leben wie Jobverlust, Scheidung und soziale Isolation. Nicht selten endet der lange Leidensweg auch in Depressionen, Angst- oder Zwangsstörungen. Dann brauchen manche Patienten Medikamente. Ansonsten werden sie psychotherapeutisch behandelt. Ein entscheidender Schritt ist dabei, den Betroffenen klar zu machen, dass sie ein Problem haben und was dessen Kern ist. Letztlich müssen die Betroffenen lernen, dass sie mehr sind als nur ihr muskelbepacktes Äußeres. Um so wieder ein vernünftiges, realistisches Bild von sich und ihrem Körper aufbauen zu können.

Bei Frauen ist die Muskelsucht deutlich seltener

Thinkstock/Photo.com

Doch wie kann Mann erkennen, wo die Grenze zwischen der gesunden, lobenswerten Absicht, etwas für seinen Körper zu tun, und einer Muskelsucht liegt? In dem er sich regelmäßig fragt, ob das Training ihm Freude bereitet oder vor allem eine Qual ist. Ein bisschen Quälerei gehöre sicher manchmal dazu, meint Barbara Mangweth-Matzek, "aber es muss trotzdem Spaß machen, sonst stimmt etwas nicht."
Vielleicht hilft es manchen auch zu wissen, dass Frauen einen normalen Körperbau mit mittelmäßig ausgeprägten Muskeln bei Männern am attraktivsten finden. Muskelprotze hingegen schrecken die Damenwelt eher ab. Das haben mehrere Untersuchungen in den USA und Europa ergeben.



Bildnachweis: Mauritius/Alamy, iStock/vuk1691, W&B/Fotolia, Thinkstock/Photo.com, Jupiter Images GmbH/Comstock Images

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Krankheits-Ratgeber zum Thema

Müde Frau

Borderline (Borderline-Persönlichkeitsstörung)

Stimmungsschwankungen, impulsives Verhalten, anhaltende Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen, Selbstverletzung – all dies sind mögliche Symptome der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) »

Spezials zum Thema

Frau schaut traurig, Jugendliche

Mobbing: Jetzt ist Schluss damit!

Ob in der Schule oder am Arbeitsplatz: Die Opfer von Mobbing sind den Schikanen ihrer Mitschüler oder Kollegen ausgesetzt. Die Folgen für die körperliche und psychische Gesundheit sind oft gravierend »

Haben Sie Schlafprobleme?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages